Computer-Channel-Artikel über Debian Jr.

Die folgende Übersetzung vom Debian-Jr.-Projekt des Originalartikels (in Deutsch) von Susanne Reininger wurde mit Genehmigung der G+J Computer Channel GmbH veröffentlicht.

Ein Linux für den Junior

Das freie Betriebssystem Linux soll Einzug in Kinderzimmer halten — so jedenfalls wünschen es sich die Initiatoren von drei Projekten. Ob Linux nach den Vorstellungen der engagierten Entwickler so einfach in Kinderschuhe passt, ist jedoch fraglich.

Von Susanne Reininger

Papa, gibt's das Linux-Spiel denn auch für Windows 95, da sieht es doch bestimmt besser aus?, fragte die neunjährige Victoria ihren Vater genervt. Das traf den Debian-Entwickler Ben Armstrong gleich doppelt: Als engagierter Vertreter der Open-Source-Idee ist er einer der Initiatoren des Debian-Jr.-Projekts, das sich das Ziel gesetzt hat, das auf Linux basierende Betriebssystem Debian kinderfreundlicher zu machen. Außerdem will er seine Überzeugung — frei programmierbare Software für alle — an seine Kinder weitergeben, weil er die Alternativen als zu einschränkend und einfach inakzeptabel einstuft. Ob mir das passt oder nicht, Windows ist wesentlich einfacher für Kinder als Linux, musste Armstrong eingestehen. Warum kann Linux Kindern nicht mehr Spaß machen? Ich will einen Desktop für Kinder entwickeln, auf dem sie mit ein paar Mausklicks Spielzeug, Spiele und Lernsoftware starten können, beschreibt Armstrong seine Vision für das Debian-Jr.-Projekts.

     Noch ist das Projekt für die Öffentlichkeit unsichtbar und befindet sich in der internen Phase, in der Armstrong in seiner Freizeit mit anderen engagierten Debian-Entwicklern in einer Mailingliste {Anmerkung: diese Information ist veraltet: es gibt eine offizielle Webseite} Ideen und Tipps austauscht, wie kindgerechte Desktop-Funktionen und Anwendungen auf Linux-Basis aussehen könnten. Dabei geht es nicht um die Neuerfindung einer Benutzungsoberfläche, sondern um ausgewählte Anwendungen, von denen wir glauben, dass Kinder am besten damit klar kommen, sagt Armstrong.

     Im Vordergrund stehe dabei immer die Frage: Was genau ist es, was Computer attraktiv für Kinder macht?. Und da müsse man auch Augen und Ohren offen halten und den Kids unbeobachtet über die Schulter schauen, wenn sie am Rechner sitzen. Ohne diesen Fokus verliere man sich in abstrakten Fragen, glaubt der Debian-Entwickler. Stattdessen wird neben der Desktop-Gestaltung auch über kindersichere Anwendungen debattiert, durch die Kinder jedoch nicht eingeschränkt, sondern ermuntert werden sollen, eigene Lösungswege zu entdecken — auch wenn's mal kracht.

     Neben dem Debian-Jr.-Projekt existieren zwei weitere Entwickler-Initiativen, die Kinder auf spielerische Art das für viele Durchschnittsanwender schwer durchschaubare Linux begeistern wollen. Eine davon ist Linux for Kids, das im Oktober 1999 mit einer eigenen Website startete. Es will das offene Betriebssystem als Plattform für Lern- und Edutainmentsoftware bekannt machen. Unsere Zielgruppe sind Kinder unter zehn Jahren, sagt Chris Ellec, Betreiber der Website. Bisher aber dient Linux for Kids überwiegend als Software-Forum für Eltern und Lehrer, die Programme für den Junior zu Hause oder für den Unterricht suchen. Wir hoffen, dass wir bald auch Anlaufstelle für die Kids werden, hofft Ellec.

     Chris Ellec und einige Freunde wollten ein paar alte 486er-Rechner für den Einsatz in einer Grundschule umrüsten. Durch seine jahrelange Erfahrung mit Linux installierte er das freie Betriebssystem auf den alten Gurken. Doch dann stellte er fest, dass es kaum Lernprogramme und Spiele gab. Daher sammelte er im Netz vorhandene Software und animierte befreundete Programmierer, entsprechende Anwendungen zu entwickeln. So wurde das Software-Forum nach und nach von fünf auf mehr als 60 Programme erweitert. Unter sieben Rubriken können Spiele und Lernprogramme heruntergeladen werden wie etwa der Tuxracer, ein 3D-Skirennen, das Stadtplanungsspiel Lincity oder gar ein multilingualer Übersetzer für Japanisch. Im Februar erschien eine Zusammenstellung der besten Programme auf CD-ROM, deren Erlös dem Betrieb der Website zugute kommt. Demnächst soll eine Bewertungsrubrik hinzukommen und ein Feedback für Anwender. Die Initiatoren von Linux for Kids arbeiten eng mit SEUL/Edu (Simple End User Linux) zusammen, einer Diskussionsgruppe für Eltern, Lehrer und Studenten, die Linux als Lernhilfe einsetzen wollen.

     Das Linux-Maskottchen Tux findet sich bereits als knuffiges Kuscheltier in vielen Kinderzimmern — jetzt muss es nur noch den Sprung auf den PC-Desktop des Juniors schaffen.

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